Wohngeschichten aus den 1950er/60er Jahren
Die Siedlung Siemensstraße in Wien Floridsdorf
Herausgegeben von Wolfgang Fichna, Werner Michael Schwarz, Georg Vasold, Susanne Winkler
WIEN MUSEUM mandelbaum verlag 2021
151 Seiten
ISBN 978-3-85476-989-7


Eine Siedlung und ihre „SiedlerInnen“ schreiben Geschichte
Dort wo heute dicht verbautes Gebiet ist, in einem äußeren Bezirk von Wien, haben ZeitzeugInnen in dieser besonderen Siedlung gelebt und ihre Geschichte erzählt.
Im sogenannten „Roten Wien“ der Nachkriegszeit sind Siedlungen entstanden, die einen ganz besonderen Charakter hatten. Die weltbekannte Industriefirma Siemens war Namensgeberin für die Siedlung, in der rasch Wohnraum gebaut wurde, um die Wohnungsnot der Nachkriegszeit zu lindern. Das berühmt gewordene Modell der DUPLEXWOHNUNGEN, bei denen später 2 Kleineinheiten zu einer größeren Wohnung zusammenlegbar war, dazu eine Infrastruktur, mit sozialen Einrichtungen wie Kindergarten, Volksheim, kleine Nahversorgung, eine Heimstätte für alte Menschen u.a., waren für die Bewohnerinnen wichtige Einrichtungen, um ein neues Miteinander nach den schwierigen, langen Kriegsjahren zu gründen.
Das Wiener Projekt der „Wohnpartner“, die auch heute vor allem die Nachbarschaften begleiten und damit soziale Initiativen fördern, hat den 70. Geburtstag der Siedlung zum Anlass genommen, diese musterhafte Siedlung nicht nur zu feiern sondern auch einige
der damaligen BewohnerInnen um ihre persönliche Geschichte zu bitten.
Jedes der Fotos, die über viele Jahre aufgehoben wurden, ist Zeugnis, jede der Wohngeschichten, die erzählt und gesammelt wurden von Menschen, die oft auf 36 m2 in einer der Duplexwohnungen als Familie gewohnt haben, sind ein wichtiges Dokument, wie das private und öffentliche Leben in der Mustersiedlung für die BewohnerInnen funktioniert hat. Sie erzählen authentisch, hautnah nachvollziehbar und doch aus vergangenen Tagen.
Die Beschreibung der Arbeit des Architekten der Siedlung Siemensstraße, Franz Schuster, macht deutlich, welche Bedeutung für seine Arbeit vor allem die soziale Komponente von Bauwerken hatte, wie das Beispiel des völlig neuen Baustils von Kindergärten und einer Heimstätte für alte Menschen mit den wichtigen Ansätzen von Barrierefreiheit. Seine Nähe zum nationalsozialistischen Regime, obwohl er als unpolitischer Mensch geschildert wird, soll denn nicht einfach unerwähnt bleiben.

Weshalb dieses Buch gerade jetzt von besonderer Bedeutung ist:
Was für viele jüngere Menschen heute fast unvorstellbar klingt, hat damals im Versuch, raschest kostengünstigen Wohn- und Lebensraum zu schaffen eine enorm wichtige Funktion gehabt. Bis zum heutigen Tag ist vor allem die soziale Funktion der Nachbarschaft etwas, das neben persönlichem Engagement auch Konzept, Finanzierung und kommunale Unterstützung braucht. Die Erkenntnisse aus diesem Buch, einem schmalen, aber hoch interessanten Dokument, wurden im Wien Museum vorgestellt.
Wie wir heute und in den kommenden Jahren aus diesem Dokument Schlüsse ziehen und Entwicklungen nachvollziehen, das werden wir als Lesende wohl selbst erfahren. Mögen unsere jungen Generationen, die jetzt aus einer prosperierenden Gesellschaft kommen und denen die aktuellen Krisen auch Verluste bringen könnten, in diesem Modell einige Anleitungen finden, um ihr Leben für die Zukunft gut gestalten zu können – im Sinne einer Nachbarschaft, die „aufeinander schaut“. —

Text: Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger

Transparenz: Das Belegexemplar wurde dankenswerterweise vom Verlag zur Verfügung gestellt. Kein Honorar.

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