Eine Orangerie war jener Ort an welchem früher wertvolle exotische Gewächse über die kalte Jahreszeit gut aufgehoben waren. Während der warmen Jahreszeit kamen die Pflanzen dann in den Garten, um vom Reichtum, der Bildung, dem Sinn für Schönheit und der Sammellust ihres Besitzers/ ihrer Besitzer Zeugnis abzulegen. Prinz Eugen von Savoyen ließ sich eine solche Orangerie neben seine Sommerresidenz, heute Unteres Belvedere (errichtet zwischen 1714 und 1716), bauen. Über 2.000 fremdländische Gewächse sollen diese Sammlung zu einer der bedeutendsten Europas gemacht haben. Es kam auch vor, dass ein junger Mann mehrere Jahre zur Ausbildung ins Ausland geschickt wurde, um ein „vollkommener“ Gärtner zu werden. Den Transport von wertvollen Orangenbäumen von Neapel nach Wien überwachte Prinz Eugen persönlich. (vgl. Schwaner, 2010)

Die Orangerie ist mittlerweile zur Ausstellungshalle (White Cube) mutiert. Blumenbilder gerade hier zu zeigen macht Sinn und zu einer Besonderheit.

„Mit der Tulpe fing es an“ in Wien, meinte der Kurator der Ausstellung, Rolf Johannsen. Mitte des 16. Jahrhunderts kam die Tulpe nach Wien und gewann wie in anderen europäischen Ländern die Herzen reicher Blumenliebhaber und Maler. In Holland löste sie eine Tulpomanie aus, die unweigerlich zum finanziellen Crash führte, wurden die Blumenzwiebeln doch wie Aktien gehandelt und deren Preis in unermessliche Höhen getrieben. Heute ist die Tulpe eine Art Wegwerfprodukt geworden. Sie wird in Massen hergestellt und im Lebensmittelgroßhandel um wenig Geld vertrieben. Von 1995 stammt das Bild mit gelben Tulpen von Gerhard Richter, das ganz bewusst an den Anfang der Ausstellung gehängt wurde.

 

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Gerhard Richter, Tulpen (1995), Belvedere, Wien, Leihgabe aus Privatbesitz. Foto (Ausschnitt) mit freundl. Genehmigung von Belvedere Wien

 

Damit ist auch das Spannungsfeld abgesteckt in dem sich die Abbildungen der Pflanzen und deren Bedeutung abzeichnet. Vom Statussymbol des holländischen Goldenen Zeitalters über die reizvolle Blumenmalerei des Biedermeier und den Blumenlandschaften des Stimmungsimpressionismus zum Spiegelbild der menschlichen Seele und deren Schicksal der Sezessionszeit. Ein „lebendes“ Blumenbouquet von Willem de Rooij versetzt einen zusätzlich in die richtige Stimmung. Man möchte diese Idee nicht missen müssen!

 

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Hans Makart, Dekoratives Blumenbouquet, 1884, Belvedere Wien und Willem de Rooij, Bouquet V (2010), interpretiert von blumenkraft, Wien. Foto mit freundl. Genehmigung von Belvedere Wien

 

Ein Auszug aus der KünstlerInnenliste: Jan van Huysum, Rachel Ruysch, Joseph Nigg, Franz Xaver Petter, Ferdinand Georg Waldmüller und dessen Schülerin Rosalia Amon, die meisterliche Prunkstillleben schuf. Die Malerinnen, die „hinaus gingen“: Olga Wisinger-Florian, Tina Blau, Marie Egner. (Besonderes Augenmerk gilt dem Werk der Künstlerinnen.) Und Zugpferde wie Klimt, Moser, Schiele, Powolny usw. fehlen natürlich nicht.

Johann Knapp und das malerische Denkmal für Jacquin

Ein paar Sätze noch zu obigem Ausschnitt mit den Tieren.  Es stammt von der „Huldigung an Jacquin“ (1821/22) von Johann Knapp. Das Gemälde wurde von der Universität Wien in Auftrag gegeben und ist eines der Hauptwerke der Biedermeiersammlung des Belvedere. Nicolaus Joseph Jacquin (1727-1817), der „österreichische Linné“, war Wissenschaftler, Universitätslehrer und Leiter der kaiserlichen Gärten in Wien. Die Pflanzen auf dem Bild tragen alle Namen nach ihm, Linné oder anderen berühmten Botanikern und wurden 24 botanischen Klassen zugeordnet. Für dieses Werk wurden hunderte Aquarelle als Vorstudien angefertigt. Sein Schöpfer, der Blumenmaler Johann Knapp (1778-1833), schuf für das Kaiserhaus und die Erzherzöge Anton Viktor und Johann unzählige botanische Illustrationen. (Für weitere Details lesen Sie bitte auch den Artikel „Blumiges in Wiens Museen – Folge 1“)

Hinweis: Es gibt im September noch einige Begleitveranstaltungen

Dienstag, 18. September, 16.30 Uhr, Anders Sehen für sehbeeinträchtigte Personen

Donnerstag, 20. September, 16.30 Uhr, Lesung mit der Autorin Julia Kospach

Sonntag, 30. September, 11.00, 12.00, 14.00, 17.00 Uhr Führungen zum Tag des Denkmals

Angaben ohne Gewähr, Details unter http://www.belvedere.at, #VienneseFlowerPainting

„Sag’s durch die Blume! Wiener Blumenmalerei von Waldmüller bis Klimt“, Orangerie Belvedere bis 30. September 2018, http://www.belvedere.at

Konsultierte Literatur für die beiden Artikel „Blumiges in Wiens Museen“:

Schwaner, Birgit: Prinz Eugen. Porträt des Strategen als Kunstmäzen, Metroverlag, Wien 2010.

Berger, Eva:  „Viel herrlich und schöne Gärten“. 600 Jahre Wiener Gartenkunst,  Böhlau Verlag, 2016

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sowie diverse Kataloge von früheren Ausstellungen…

 

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Nützliche Links:

Zur Geschichte der Illustration in Wien und zur Linné’schen „Binären Nomenklatur“ eine kleine Zusammenfassung in meinem Artikel „Blumiges in Wiens Museen Folge 1“ https://wordpress.com/post/pflegeundkunst.wordpress.com/5053 sowie ebendort weitere Links.

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