Kräuterbücher

Botanik und Pharmazie haben gemeinsame Wurzeln. Zur Heilung griff der Mensch über lange Zeit zum überwiegenden Teil auf Heilpflanzen zurück. Neben der mündlichen Weitergabe halfen Kräuterbücher dieses Wissen festzuhalten und zu verbreiten. Illustrationen, gepresste und getrocknete Gewächse oder Abdrucke davon bildeten neben der Beschreibung der einzelnen Pflanzenteile, der praktischen Verwendung und Wirkung einen wichtigen Teil solch eines Buches. (Das Logo von pflegeundkunst ist solch eine Illustration: Weisser Quendel/Serpillum album.)

Botanische Prachtwerke dienten irgendwann auch zur Repräsentation. Die Wiener Hofbibliothek war zugleich auch die Bibliothek der kaiserlichen Leibärzte und Hofapotheker. Expeditionen in ferne Länder dienten u.a. natürlich auch dem Auffinden von bisher unbekannten Pflanzen, die in die kaiserlichen Gärten und Glashäuser integriert wurden und die Wichtigkeit ihrer Besitzer unterstrichen.

Die Förderung der Botanik

In Wien kam es zwischen 1750 und 1850 zum goldenen Jahrhundert der botanischen Illustration. Einige Mitglieder der Familie Habsburg hatten großes Interesse an Botanik und allem, was damit in Zusammenhang stand. Kaiser Franz I (1768-1835) war selbst Gärtner, wurde vom Botaniker Nikolaus Joseph von Jacquin (1727-1819), der auch nach Westindien fuhr, um nach neuen Pflanzen für die kaiserlichen Gärten zu suchen, in Botanik ausgebildet. Er trug den Beinamen „Blumenkaiser“. Die Brüder von Franz, die Erzherzöge Johann (1782-1859) und Anton Viktor (1779-1835) brachten selbst großes Interesse dieser Materie entgegen. Und sein Nachfolger Ferdinand I (1793-1875) ebenfalls. Das Biedermeier, das mit den Eckdaten 1814-1848 definiert wird, war – politisch bedingt durch das Metternich’sche System – die Zeit des Rückzugs in das eigene Heim; und in den eigenen Garten. Ein Teil des Lebens spielte sich hier ab. Mit Gartenlauben, Häuschen oder Pavillons wurde der Garten ausgestattet und im Glashaus wurden die exotischen Trophäen oder neue Züchtungen gezogen. In Laxenburg entstand der größte Landschaftspark am Kontinent. 1827 wurde die erste öffentliche Pflanzenausstellung im Gewächshaus des Gartenpalais Schwarzenberg am Rennweg organisiert. Blumendekor auf Bildern, Stoffen und Porzellan war angesagt. Vielleicht ist das ein wenig mit der heutigen Zeit vergleichbar, wo fast jede(r) versucht auf einer freien Fläche Grün anzubauen. In der heutigen Mode setzt sich das Florale ebenfalls durch. Wir tragen wieder Blumenmuster auf dem Körper….

Binäre Nomenklatur von Linné

Carl von Linné (1707-1778) hatte die binäre Nomenklatur erfunden, die seit 1735 bis heute noch ihre Gültigkeit für die Tier- und Pflanzenwelt hat. Jede Pflanze hat ihren Namen, bestehend aus zwei Teilen: dem Gattungsnamen, einem Substantiv/Hauptwort und der Bezeichnung der Art als Attribut. Daraus ergibt sich auch die Groß- und Kleinschreibung. Dazu kommt oft der Name des Botanikers, der als erster die Art beschrieben hat. Alles in lateinischer Sprache und in Kursiv geschrieben. Jacquin war es, der als Leiter des Botanischen Gartens und der kaiserlichen Gärten von Schloss Schönbrunn das „Linné’sche System“ einführte.

Arbeiten aus dem Kupferstichkabinett

Wien verfügt an mehreren Orten über reiche Sammlungen von botanischen Werken und von einzelnen Blättern. Allein im Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste fast 900 Blumen- und Pflanzendarstellungen in Aquarell und Deckfarben auf Papier. 415 Blumenaquarelle stammen von Moritz Michael Daffinger (1790-1849). Der restliche Bestand ist nur zum Teil aufgearbeitet.

Anton Hartinger und der Paradisus Vindobonensis

96 Arbeiten konnten Anton Hartinger (1806–1890) zugeordnet werden. Er erhielt in jungen Jahren bevor er an der Akademie ausgebildet wurde bereits Unterricht vom Blumenmaler Johann Knapp (1778-1833), Kammermaler von Erzherzog  Anton Viktor, ab 1808 Blumen- und Früchtemaler im Garten von Schloss Schönbrunn. Von Knapp stammt ein großes Bild, das derzeit in der Orangerie des Belvedere („Sag’s durch die Blume. Wiener Blumenmalerei von Waldmüller bis Klimt“ zu lesen unter https://wordpress.com/post/pflegeundkunst.wordpress.com/5094) ausgestellt ist „Huldigung an Jacquin“ (1821-22). Das Werk weist auch auf Linné und seine Klassifizierung hin und deren Einführung, die Jacquin gefördert hat. Vom vorhandenen Konvolut sind nun 26 ausgewählte Blumenaquarelle von Anton Hartinger im Theatermuseum, wo derzeit das Kupferstichkabinett ausstellen darf, zu sehen.

 

 

Hartinger, Lilium speciosum
Anton Hartinger: Lilium speciosum var. punctatum, 1843, Aquarell u. Deckweiß, Spuren einer Vorzeichnung mit Bleistift, auf Papier (Aufschrift u. Umrahmung mit Bleistift; Signatur u. Datierung mit Aquarell), © Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien

 

Die Zeichnungen entstanden zur Vorbereitung der botanischen Prachtpublikation Endlicher’s Paradisus Vindobonensis, Abbildungen seltener und schönblühender Pflanzen der Wiener und anderer Gärten und Museen. Dieses Buch erschien im Groß-Folioformat mit lithographierten Abbildungstafeln zwischen 1844 und 1860 in mehreren Lieferungen. Nach der Drucklegung verkaufte Hartinger die Zeichnungen als Vorlageblätter für den Unterricht an die Wiener Akademie.

Die Begleitpublikation enthält das Gesamtverzeichnis der Blumenaquarelle von Hartinger.

 

 

Hartinger, Sobralia macr.
Anton Hartinger: Sobralia macrantha, 1845, Aquarell u. Deckweiß, Spuren einer Vorzeichnung mit Bleistift, auf Papier (Aufschrift u. Umrahmung mit Bleistift; Signatur u. Datierung mit Aquarell), © Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien

 

Paradisus Vindobonensis – Blumenaquarelle von Anton Hartinger, Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien zu Gast im Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2, bis 26. August 2018

http://www.akademiegalerie.at

 

Weiterführende Beiträge zu verwandten Themen auf diesem Blog:

Über die Brasilienexpedition 1817/18, die anlässlich der Hochzeit der Tochter von Kaiser Franz I, Maria Leopoldina Josepha Caroline, mit Dom Pedro, dem späteren Kaiser von Brasilien, stattfand:
https://wordpress.com/post/pflegeundkunst.wordpress.com/4511

„Das Wiener Aquarell“ – Meisterstücke aus der Wiener Albertina https://wordpress.com/post/pflegeundkunst.wordpress.com/4865

300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur Augarten
https://wordpress.com/post/pflegeundkunst.wordpress.com/4999

Zur Ausstellung „Sag’s durch die Blume. Wiener Blumenmalerei von Waldmüller bis Klimt“ im Belvedere, der Artikel Blumiges in Wiens Museen Folge 2. https://wordpress.com/post/pflegeundkunst.wordpress.com/5094

 

Interessantes von anderen Autoren:

Als ich Kind war hatte meine Mutter immer wieder die einzigartige Erika-Sammlung in Wien erwähnt. In folgendem Artikel von Norbert Philipp, Die Presse vom 23.3.2018, erfährt man einiges darüber und über die Funktion botanischer Gärten: „Weit verzweigt: Botanische Gärten rund um die Welt“ – Botanische Gärten erzählen nicht nur vom Artenreichtum des Planeten. Sondern auch von Wissenschaftsgeschichte, Forschungsabenteuern und verschiedensten Zugängen zur Gartenkultur.
https://diepresse.com/home/leben/wohnen/5394087/Weit-verzweigt_Botanische-Gaerten-rund-um-die-Welt

Berger, Eva: „Viel herrlich und schöne Gärten“. 600 Jahre Wiener Gartenkunst,  Böhlau Verlag, 2016

 

 

 

 

 

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