Mitteleuropa als Begriff eines mythischen Raumes wurde in Österreich lange Zeit belächelt. Claudio Magris Buch (*), in dem dieser Begriff als literarischer Kulturraum umfassend erläutert wird, ist immerhin inzwischen bereits über 50 Jahre alt. Ein wenig befremdend ist es schon, wenn darauf jetzt zurückgegriffen wird als hätte man es mit einer Neuigkeit zu tun. 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, auf Italienisch auch genannt „la Grande Guerra“, der Große Krieg, wird in Österreich dieser Kulturraum entdeckt und zwar für die bildende Kunst. Im Belvedere tut man dies für die aktuelle Ausstellung „Klimt ist nicht das Ende. Aufbruch in Mitteleuropa.“

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Blick in die Ausstellung, Gustav Klimt

Die Schau soll als kultureller Beitrag zur EU-Ratspräsidentschaft Österreichs im Herbst in Brüssel zu sehen sein. Sie entstand auch unter Kooperation des Belvedere mit dem Centre for Fine Arts, Brüssel (BOZAR) und des Museums der Schönen Künste, Budapest – Ungarische Nationalgalerie.

Im Fokus steht dabei die Zeitspanne von 1914 bis 1939, mit den Gedenkjahren 1918 und 1938.

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János Vaszary, Soldaten im Schnee 1916, Öl auf Leinwand, Szépmüvészeti Múzeum, Budapest Ausschnitt

Da die Präsentation von Einzelpersönlichkeiten wie Klimt, Schiele, Kokoschka  und Co. in monografischen Ausstellungen inzwischen ziemlich ausgereizt ist und es damit schwer fällt Neues zu bringen, ist es naheliegend zum Gedenkjahr weitere Kreise zu ziehen. Also besinnt man sich des größeren Zusammenhangs, stellt den Kulturraum Mitteleuropa in den Mittelpunkt und möchte, so wurde bei der Pressekonferenz erklärt, dass die Besucher Parallelen zu Gegenwart und wenn möglich Zukunft ziehen. Soweit die prätentiöse Zielsetzung. Brisant, in einem Moment wo am Brexit gearbeitet wird und wir nicht genau wissen wohin die Reise geht.

Ob dieser Wunsch tatsächlich aufgeht, möge jede(r) für sich beurteilen. Informativ und lehrreich ist die Ausstellung schon deshalb, weil relevante Kunstströmungen und die Vernetzung der Künstler über politische und sprachliche Grenzen hinweg vorgestellt werden: Bauhaus, Expressionismus, Surrealismus, Phantastik und Neuer Realismus; anhand von 180 Exponaten von 80 Künstlerinnen und Künstlern.

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Grenzen in Mitteleuropa: gestern – heute

 

„Klimt ist nicht das Ende. Aufbruch in Mitteleuropa“, Unteres Belvedere bis 26. August 2018, und vom 21. September 2018 bis 20. Jänner 2019 im Palais des Beaux-Arts, Bruxelles.

http://www.belvedere.at, #BeyondKlimt

*) Claudio Magris, Il mito absburgico nella letteratura austriaca moderna. 1963, Neuausgabe 1996. dt. Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur. Übers. Madeleine von Pásztory. Müller, Salzburg 1966; nach der ital. Neuausgabe bearbeitet: Zsolnay, Wien 2000- ISBN 3-552-04961-4.

 

 

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