„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Worte Goethes, die in früheren Zeiten kaum aus dem Stammbuch eines Kindes wegzudenken waren. Was verbindet Goethe mit Lessing, der den drei Religionen Christentum, Judentum, Islam Gleichwertigkeit in seiner Ringparabel einräumte? Was verbindet beide mit einem Knigge, der einst Synonym für gutes Benehmen war, oder mit einem Piloten und Autor wie St. Exupéry, weiters mit den Komponisten Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart sowie Joseph Haydn oder mit dem Philosophen Voltaire? Die Mitgliedschaft zur Freimaurerei. Im Falle Voltaires erfolgte die Aufnahme allerdings erst sehr spät – mit 84 Jahren.

 

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Schurz von Voltaire, um 1765 Musée de la franc-maçonnerie, Collections GODF

 

Sicher ist, dass wir von den Werken dieser Herren durch die Schule geprägt wurden. Ihr Gedankengut weist Parallelen zu den drei Idealen der Französischen Revolution auf: liberté, égalité, fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dazu kommen bei den Freimaurern noch Toleranz und Humanität.

Nach Eigenaussage handelt es sich vor allem um eine dem Vereinsrecht unterliegende Lebensschule für Männer. Jedes Mitglied, „Bruder“ genannt wie bei Ordenszugehörigen, ist angeregt die Welt als Einzelindividuum in seinem Bereich so weiterzubringen, dass sie dem angestrebten Ideal näher kommt. Es wird auch darüber regelmäßig befragt und bekennt sich vor allen anderen dazu zu wenig getan zu haben. Nach außen hin allerdings verhält sich die Sache anders. Da könnte das Motto „Tue Gutes und schweige darüber“ lauten. Vielleicht auch noch mit dem Zusatz: „…und lächle“. In unserer heutigen Zeit der Selbstdarstellung wohl ein wenig unzeitgemäß(?) Und die Person oder die Sache, die mit Wohltätigkeit bedacht wurde, wird nicht wissen wer seine Hand im Spiel hatte und der Dank wird nicht ankommen können.

Nach wie vor sind die Freimaurer eine Vereinigung über die man Widersprüchliches hört und liest. Der Grund dafür ist in der Struktur, in der Geschichte, den Ritualen und Symbolen zu suchen. (Da es den räumlichen Rahmen sprengen würde hier alles aufzurollen, möchte ich auf einige Links verweisen, die gut in die Materie einführen – siehe Link-Sammlung am Ende dieses Beitrags.) Auch sind die Freimaurer für den Austausch von Wissen und Erfahrung über soziale und politische Grenzen hinweg. Ein Rest aus der Goethe-Zeit, wo sich Akademien zur Wissensvermittlung etabliert hatten, scheint es noch in Österreich bei den Hochgraden zu geben, wo an der Wissensvertiefung zu bestimmten Themen gearbeitet wird.

 

Die Geheimnisse der Freimaurer

Laut Großmeister Semler, der „Sprecher“ nach außen hin ist, kennt die moderne Freimaurerei allerdings nur zwei Geheimnisse:

1. die Listen der lebenden Mitglieder

2. der Inhalt der Gespräche.

 

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Bruderkette in einer Loge

 

Auf alle Fälle scheinen sich die Freimaurer anlässlich des 300-jährigen Bestehens einem längst fälligen Modernisierungsschub und Imagewandel unterwerfen zu wollen.

„Künftig werden wir weiter daran arbeiten, uns von den Märchen und Mythen, die uns leider noch immer nachhängen, aktiv zu lösen. Das wird uns helfen, unsere Bedeutung offensichtlicher zu machen. Wir werden über unsere in der Aufklärung und dem Humanismus verankerten Traditionen und Ziele verstärkt informieren.“
Großmeister der AFuAMvD . Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer, Quelle: Freimaurer-Wiki

Die Ausstellung

Ein Schritt ist die Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek und das damit verbundene Medien- (Filme im ORF) und Öffentlichkeitsinteresse. „300 Jahre Freimaurer. Das wahre Geheimnis.“ Um es gleich vorwegzunehmen: Das wahre Geheimnis ist der Mensch.

Die Ausstellung spricht vornehmlich die historische Entwicklung der Freimaurerei in Österreich an. Ursprünge, Riten, Namen einiger Mitglieder, ihrem Streben sich und die Welt zu verbessern wie etwa die Abschaffung der Folter, aber auch ihre Anfeindung durch Kirche und Herrscher und Verfolgung während der Nazi-Zeit. Der Prunksaal gilt als schönste Bibliothek der Welt. Seit der Pressekonferenz zur Ausstellung weiß ich nun, dass er auch ein Gesamtkunstwerk freimaurerischen Denkens ist. Die wunderbare Architektur, die einem Tempel gleich ein Teil des Wissens, gespeichert in wertvollen Büchern, beherbergt. Wissen, das ALLEN zur Verfügung zu stehen hat wohlgemerkt. Somit ist der Saal zugleich Exponat der Ausstellung. Das Deckenfresko von Daniel Gran wurde 1730 vollendet (Gran war kein Freimaurer) und enthält Anspielungen: z.B. einen Bienenkorb, Symbol für die Loge. Wird eine neue Loge gebildet „schwärmen“ die Brüder aus wie Bienen. Die französischen Könige hatten ursprünglich drei Bienen im Wappen als Hinweis ihrer Zugehörigkeit. Später wurden die Immen zu Blüten, den Fleurs de Lys, stilisiert.

Architektonische Präsenzen in der Innenstadt

Im Hofburgkomplex sollen sich mehrere Hinweise auf die Freimaurerei befinden. Beispiel gefällig? Antonio Canovas Marmorgrabmal (1798-1805) der Erzherzogin Marie Christine in der Augustinerkirche enthält Anspielungen. Die Tochter Maria Theresias war mit einem Freimaurer verheiratet.

Eine interaktive Medienstation gibt Aufschluss über einige Bezugspunkte in der Innenstadt.

 

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ÖNB, „300 Jahre Freimaurer. Das wahre Geheimnis“, interaktive Medienstation

 

Schlüssel und Rosen – Erinnerung und Weisheit

Nach dem Tod lebt ein Bruder in der Loge weiter. Ein Schlüssel mit Namen und Daten des Verstorbenen werden sichtbar aufbewahrt.

Eine rote, eine weiße und eine rosa Rose werden dem verstorbenen Bruder auf den Sarg gelegt.

Die weiße Rose allein führt symbolisch zum Licht bzw zur Weisheit. Womit wir den Kreis schließen und wieder bei den Büchertreppen des Prunksaals wären.

 

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Foto: Ursula Nürnberger, Fotografin

 

„300 Jahre Freimaurer. Das wahre Geheimnis.“ Prunksaal der ÖNB, bis 7. Jänner 2018

 

Quellen: Pressekonferenz zur Ausstellung und TV-Filme im ORF zum Thema sowie Katalog zur Ausstellung

Michael Kraus (Hg.): Die Freimaurer. Salzburg: Ecowin-Verlag, 2007.

Einen sehr guten sachlichen Überblick  gibt der Artikel in der Wiener Zeitung unter   http://www.wienerzeitung.at/fm17/

Link zur Großloge von Österreich. Für 2017 hat sie den Webauftritt aktualisiert, auch bezüglich Sammlung von Presseberichten etc. Vielleicht ein Einstieg ins 21. Jahrhundert?     https://freimaurerei.at

Auf der Rosenburg ist ein Freimaurermuseum eingerichtet. Einige Exponate der Ausstellung kommen von dort.  http://freimaurermuseum.at

Sehr nützlich ist http://freimaurer-wiki.de/index.php/Österreich

Über die Ausstellung und die Eröffnungsfeierlichkeiten inkl. Fotos  http://freimaurer-wiki.de/index.php/Freimaurer-Ausstellung_Wien_2017

Eine gute kompakte Einführung ist abrufbar unter: https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Symbole/Freimaurer

Schwerpunkt Wien: http://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Freimaurer

Zum Denkmal von Antonio Canova ein Artikel von Alexandra Matzner: http://artinwords.de/antonio-canova-das-grabmal-fuer-erzherzogin-marie-christine-von-sachsen-teschen/

Foto: Dank an die Fotografin Ursula Nürnberger für das Zurverfügungstellen des Fotos von den Rosen. Das Bild wurde nicht in Zusammenhang mit der Ausstellung gemacht.

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