Stellen Sie sich vor, Sie flanieren zu Hause ganz bequem und ungestört ins und in einem Museum und zwar in das Wiener Belvedere. Ganz ohne sich an Öffnungszeiten zu halten, ohne Hunger und Durst zu verspüren, ohne eine Reise gebucht zu haben oder zumindest in die U-Bahn eingestiegen zu sein. Sie möchten sich z.B. eine Landschaft mit Bäumen anschauen, sagen wir ein Bild vom Prater von Tina Blau. Sie gehen im Computer auf die Adresse werkverzeichnisse.belvedere.at. Sie geben Tina BlauPrater ein. Es reihen sich eine Menge Bilder vor Ihnen auf.

 

 

screenshot Tina Blau Prater
Foto: Screenshot von werkverzeichnisse.belvedere.at

 

Sie wählen eines davon aus. Es erscheint vergrößert mit Datierung, Lebensdaten und Namen der Künstlerin, Objektart, Material und Technik, Maße, Signatur. Weiters wird ausgesagt in welcher Sammlung des Belvedere es sich befindet, die internen Nummern und die Provenienz.

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Foto: Screenshot von werkverzeichnisse.belvedere.at

Darunter ein Punkt „Permalink“ und der Kontext mit der Ausstellungsgeschichte, Bibliographie und einer Beschreibung. Dann einige Fotos von Vorarbeiten und schließlich die Option zum „Stöbern & Flanieren“. Hier findet sich zunächst die mit der stilistischen Zuordnung. Und jetzt wird es spannend: Bildorganisation – Außenraum und tiefer Horizont. Darunter zum Anklicken Primärmotiv – Wolken, Baumgruppen, 2. Bezirk, Prater, Frühlingslandschaft. Da können Sie sich gänzlich Ihrer Phantasie hingeben und kreuz und quer anklicken.

 

Screenshot Permalink
Foto: Screenshot von werkverzeichnisse.belvedere.at

 

Diese Möglichkeit des „Stöbern & Flanieren“, den ein Online-Besuch eröffnet, das wünscht sich Dr. Ralph Knickmeier, Verantwortlicher für das Digitale Belvedere, den Internet-Auftritt des Belvedere Research Centers. Seit 2008 wird daran gearbeitet. Bilder werden photographiert und online gestellt, Daten darüber gesammelt. 2017 sind mittlerweile 48 % der gesamten Kunstwerke des Belvedere erfasst und online zugänglich. Erstaunlicherweise bringt diese Möglichkeit eines digitalen Spaziergangs dem Museum mehr Besucher und zwar in Fleisch und Blut. Denn das Online-Belvedere zieht die Menschen an, wirkt werbend. Und letztendlich ist das Original nicht zu ersetzen. Gedacht ist die Online-Sammlung für alle Menschen, d.h. als Zielgruppe wird nicht nur der „normale“ europäische Tourist oder in Österreich lebende Besucher anvisiert, sondern natürlich physisch entferntere Flaneure und Fachbesucher wie Studenten oder Wissenschafter. Beeinträchtigten Menschen, die mit Computer umgehen können, eröffnet sich das Belvedere-Online natürlich ebenfalls. So wandeln sich „User“ zu „Informationsflaneuren“, die in der Museumslandschaft stöbern können.

Wozu dient das noch?

Außerdem ist daran gedacht, dass die neue Technologie den Arbeitsprozess verbessern kann und dass alle Mitarbeiter damit arbeiten sollen. Ersetzt werden Excel-Listen und Word-Dateien durch dynamische Berichte, eine Art Layoutvorlage mit der je nach Bedarf weitergearbeitet wird. Die Museumspädagogen etwa erstellen damit Listen der Kunstwerke, die sie bei einer Führung vorstellen möchten. Und die Restauratoren erfassen mit ihren Daten den Zustand der Werke vor und nach einer Ausstellung oder wenn ein Objekt außer Haus soll.

Zusätzliches Wissen:

TMS – The Museum System heißt die Software dahinter. Sie wird auch von anderen internationalen Museen verwendet. In Wien sind es die Albertina, das KHM, die Artothek.

Mehr Wissen über die Objekte erhalten durch standardisiertes Retrieval, das  (Wieder-)Auffinden von Inhalten etwa mit

Icon class – internationales multilinguales System – einem Klassifikationssystem von Bildinhalten. Es wird weltweit in zahlreichen anderen internationalen Museen verwendet, in Wien ist das Belvedere derzeit das einzige Haus, das dieses System verwendet.

e-Museum – Software zur Onlinepräsentation von Sammlungen

Noch einmal zusammengefasst was das Werkverzeichnis verrät:

Bildorganisation:

1 – kontextuelle Ebene mit Autor, Provenienz, Beschreibung (Größe, Material etc.)

2 – ikonographische Ebene mit Verschlagwortung

3 – Ebene der Bildorganisation, assoziativ recherchieren – Verhältnis zwischen Objekt und Betrachter, etwa tiefer Horizont, Blickkontakt, Fensterbild, Perspektive

Weiterführende Links:

werkverzeichnisse.belvedere.at

Online-Sammlungsdatenbank: http://digital.belvedere.at

Fotos: alle Fotos sind Screenshots von werkverzeichnisse.belvedere.at, mit freundlicher Genehmigung vom Belvedere 22.5.2017

 

 

 

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